Generisches Maskulinum: Worte wirken
In vielen Phasen meines Lebens habe ich ein oder mehrere Ehrenämter ausgeübt. Gerade leite ich im Tandem ein Netzwerk innerhalb meines Berufsverbands. Ich hätte noch Kapazitäten und halte entsprechend die Augen offen.
Ein kleines, aber feines soziokulturelles Projekt lief mir über den Weg. Es geht ums Zuhören und Gesehenwerden. Spontan meldete ich mich, um mitzumachen.
Zur Vorbereitung der möglichen Aufgabe erhielt ich einen mehrteiligen Onlinekurs, der in die Materie einführt. Gut gemacht und mit relevanten Inhalten. Dennoch habe ich meine Teilnahme abgesagt. Warum?
Das generische Maskulinum war’s!
Weil den Onlinekursen jeweils ein Hinweis vorangestellt war: Zur besseren Verständlichkeit werde beim Sprechen nur die männliche Form verwendet. Selbstverständlich seien weibliche und diverse Formen eingeschlossen.
Der Fachbegriff dafür lautet: generisches Maskulinum. Mit der männlichen Form sind alle Geschlechter mitgemeint. Heute wissen wir, dass das Konzept „Mitgemeint ist mitgedacht“ nicht funktioniert.
Bereits 1988 untersuchte der Sprachwissenschaftler Professor Josef Klein die sprachliche Diskriminierung von Frauen durch das generische Maskulinum. Diese Personenbezeichnung, so sein Ergebnis, werde deutlich stärker auf Männer als auf Frauen bezogen. Neuere Studien kommen zum gleichen Ergebnis.
Trotz dieser Kritik wird das generische Maskulinum weiterhin genutzt, aus Bequemlichkeit und weil es vermeintlich verständlicher ist. Doch genau diese Gründe verhindern eine inklusive Sprache, die alle Menschen anspricht und sichtbar macht.
Reagiere ich überzogen?
Engagiere ich mich wirklich nicht bei einem Projekt, das sich sprachlich auf das Konzept „Mitgemeint ist mitgedacht“ zurückzieht? Ich habe darüber nachgedacht und festgestellt: Werden Menschen sprachlich ausgeschlossen, ist das für mich ein Grund, ein noch so gut gemeintes Projekt nicht zu unterstützen.
Drehen wir in einem ersten Schritt das Ganze: Denken Sie einen Tag lang nur im generischen Femininum. Sie bringen Ihren Kolleginnen etwas Süßes aus der Kantine mit, geben das Fahrrad zur Mechanikerin und vereinbaren einen Termin bei Ihrer Hautärztin.
Der nächste Schritt ist: Lassen Sie sich als Mann nur in der weiblichen Form ansprechen und fühlen Sie sich bitte mitgemeint. Herzlich willkommen in der diversen und weiblichen Welt!
Sprachlich möglich
Dabei könnte es einfach sein. Sie bringen Ihrem Team etwas Süßes aus der Kantine mit, geben das Fahrrad in die Werkstatt und vereinbaren einen Termin in der Hautarztpraxis. Zugegeben, da ist noch Luft nach oben (HautARZTpraxis), aber schließlich ist noch keine Meisterin vom Himmel gefallen.
Was habe ich getan?
- Ich habe die Personenbezeichnung Kolleginnen durch den neutralen Begriff Team ersetzt.
- Lasse ich mein Fahrrad reparieren, ist das Geschlecht der Person, die es repariert, nicht relevant. Deswegen habe ich die Mechanikerin durch die Werkstatt ersetzt.
- Oft nutzen wir den Begriff Arzt und meinen eine Ärztin. In solchen Fällen konkretisiere ich oder nutze wiederum einen neutralen Begriff.
Mehr Anregungen bekommen Sie, wenn Sie möchten, in der „Anleitung zum dudenkonformen Gendern“, die Katja Rosenbohm und ich herausgegeben haben. Um auf das kleine, aber feine Projekt zurückzukommen: Letztlich hat mich die Haltung hinter diesem Hinweis gestört. Das Verstecken dahinter und nicht einmal versuchen zu wollen, alle Menschen anzusprechen.
Worte wirken
Wenn wir alle Menschen sichtbar machen wollen, ist die Voraussetzung dafür sprachliche Inklusivität. Auch wenn es manchmal nicht klappt, zählt der Wille.
Nutzen Sie die Chance, in Ihrem Umfeld und Ihrer Organisation eine Sprache zu fördern, die alle anspricht. Für ein Miteinander, in dem sich alle gesehen fühlen. Und falls Sie von der Kompetenz einer Gender-Expertin profitieren möchten, melden Sie sich einfach bei mir.
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