Wo, bitte, geht’s zur heilen Welt?
Der Name Hedwig Courths-Mahler (1867–1950) fiel nur kurz im Deutschunterricht meiner Schulzeit. Vor Jahrzehnten war das, und doch prägte er sich mir ein. Dass ich mich im Jahr 2025 wieder mit dieser sehr erfolgreichen, aber als Kitsch-Produzentin geschmähten Autorin beschäftige, verdanke ich dem weltbesten Netzwerk.
Das Blogwichteln ist ein netter vorweihnachtlicher Aspekt dieses Netzwerks, in dem sich wortstarke Frauen das ganze Jahr über austauschen und gegenseitig inspirieren. Auf diesem Weg erfuhr ich, dass Texttreff-Mitglied Mona Gabriel eine der Co-Autorinnen eines im Oktober erschienenen biografischen Romans ist, den ich sofort bestellt und gelesen habe. Es geht um dieses Buch: „Ein gutes Ende. Der steinige Weg der Hedwig Courths-Mahler“ von Clara Bachmann.
Das Buch schildert Courths-Mahlers Leben bis zu der Zeit, als ihr endlich Erfolg beschieden ist und sie mit ihrem Schreiben und ihren Büchern gut verdient. Was beim Lesen mehr als deutlich wird: Wie schwer war das Leben damals im 19. Jahrhundert für jemanden, die nicht zu einer privilegierten Gesellschaftsschicht gehörte und noch dazu bei Pflegeeltern aufwuchs? Bittere Armut und harte körperliche Arbeit prägten ihre Kindheit und Jugend. Woher das tägliche Brot kam, war keine rhetorische Frage. Besonders für Frauen gab es kaum Möglichkeiten, Geld zu verdienen.
Wer wollte es Courths-Mahler angesichts dieser schlimmen äußeren Umstände verdenken, dass sie sich in ein besseres Leben träumte, als Hausangestellte in der „Gartenlaube“ darüber las und schließlich aus einem inneren Bedürfnis heraus immer wieder darüber schrieb? Neben allen täglichen Pflichten fand sie kaum Zeit zum Schreiben. Wie sie jeden Moment nutzte, um ihre Kreativität zu entwickeln und an ihren Texten zu arbeiten, ist bewundernswert. Der Roman zeichnet eindrücklich nach, wie ihr Leben damals verlief – in einer Zeit, als es noch keine Waschmaschinen und Staubsauger gab und Hausarbeit schwere und zeitraubende Arbeit war.
Bis heute habe ich kein einziges ihrer Bücher gelesen. Zu immerhin zwei Büchern gibt es eigene Wikipedia-Artikel. „Die Bettelprinzeß“ erschien 1914. Liest man die Zusammenfassung bei Wikipedia, wird schnell deutlich, dass die Handlung so simpel nicht ist, Irrungen und Wirrungen gibt es zuhauf. Aber das Grundmuster ist deutlich erkennbar und das Ende früh absehbar.
Eine Diskussion darüber, ob man zwischen leichter Unterhaltungsliteratur und literarischen Ansprüchen unterscheiden soll, werde ich hier nicht beginnen. Aber ich möchte betonen, dass Kitsch ein durchaus wandelbarer Begriff ist. Was Kitsch ist, liegt nicht zuletzt an der Perspektive, die man selbst einnimmt. Trivialliteratur, Eskapismus, Realitätsflucht sind einige Begriffe, über die sich in diesem Zusammenhang trefflich diskutieren ließe.
Die Sehnsucht nach einer heilen Welt erscheint mir sehr menschlich. „Die Gartenlaube“ gibt es nicht mehr. Auf sie folgten Massenzeitschriften, Heftromane und Reihen mit Plots nach überschaubaren Mustern. Ähnlich gestrickt waren Telenovelas und Daily Soaps fürs Fernsehen. Die jetzt beliebten Romance-Novels, New-Adult-Reihen und auch Fanfiction folgen bewährten Mustern der Handlungsstruktur, auch wenn sie aktuellere Themen aufgreifen.
Zurück zum Buch „Am Ende wird alles gut“: Die Handlung stoppt vor dem Ersten Weltkrieg. Als der Nationalsozialismus aufkam, war Hedwig Courths-Mahler längst eine weit bekannte Schriftstellerin. Als solche gehörte sie der „Reichsschrifttumkammer“ an. Trotzdem galten ihre Bücher in den 1930er-Jahren als immer weniger erwünscht, weil sie nicht ausdrücklich NS-Ideale propagierten.
In diesem Zusammenhang fällt mir ein weiterer Erinnerungsschnipsel zu Hedwig Courths-Mahler ein. Ich weiß nicht mehr, ob er aus meiner Schulzeit stammt oder später in den Medien auftauchte. Es ging um die Frage, welche Rolle Courths-Mahler im Nationalsozialismus gespielt hat. Ohne dass ich eine Quelle dazu gefunden habe, bleibt mir ein Satz im Gedächtnis: „Zumindest hat sie niemandem geschadet, und das ist mehr, als man über viele andere in jener Zeit sagen kann.“
Mein Fazit zum Buch von Clara Bachmann: Ich habe es gerne gelesen und einiges gelernt über die Zeit, in der Hedwig Courths-Mahler groß geworden ist. Ich weiß nun, dass ich ihre Leistung als Schriftstellerin würdigen kann, ohne ihre Bücher lesen zu wollen. Ich bewundere ihren Mut und die Beharrlichkeit, mit der sie ihren eigenen Weg gegangen ist.
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